Beat Street1 (2)

Aus der Grabbelkiste: „Beat Street“ von Harry Belafonte

Als ich letzte Woche mal im Saturn in die Blu Ray-Grabbelkiste schaute (es werden gerade für gute Preise diese blauen Scheiben, sozusagen, rausgeschmissen), da stolperte ich doch glatt über den Tanzfilm „Beat Street“, der von Harry Belafonte im Jahre 1984 mitproduziert worden ist.

Die Entwicklung:
Die Story hinter diesem grandiosen Meisterwerk, ließt sich wie ein Märchen:
Der amerikanische Sänger Harry Belafonte hatte in der DDR den höchsten Anerkennungsstatus, den sich ein Künstler in der Ostzone erarbeiten kann. Mit seinen Friedensaktionen, die er weltweit veranstaltete, erntete der Schwarze auch bei den Roten Genossen höchstes Ansehen. Umso verunsicherter waren sie, als der in New York geborene plötzlich mit einem Break-Dance-Film um die Ecke kam. Als er jedoch erklärte, dass diese Geschichte hauptsächlich das Leben schwarzer Minderheiten in der Bronx, also einem Stadtteil seiner Heimatstadt, widerspiegeln sollte und das Wichtigste zum Überleben die Musik sei, versuchten auch die Machthaber des Sozialismus das zu verstehen und ließen gleich, ein Jahr nach Produktion, „Beat Street“ in den DDR-Kinos, nur für kurze Zeit laufen.

Denn womit sie nicht gerechnet hatten, war der sofortige Kultstatus und die Bedeutung, die die Jugend dem Ganzen gegeben hatte. Ab diesem Zeitpunkt wollten alle nur noch eines – Tanzen!
Dazu brauchte man die Musik aus dem Film, für Zuhause, zum üben, zum hören und mitgestalten. Also machten sich die härtesten der Harten mit ihren aus Plaste zusammengebauten Stern-Kassettenrecordern aus dem Ost-Hause RFT (die DDR-Technik-Fabrik-Schmiede), die es in der Regel zu den alljährlich veranstalteten Jugendweihen als Anerkennung und Geschenk der Familie gab, wenn er gewünscht wurde. Die 1,50 Ost-Mark, die der Eintritt kostete, hatte noch jeder in der Tasche, weil Kino/Kultur meistens vom Staat gefördert wurde. Die Jünger schnitten dann per Kassette den Ton des ganzen Movies oder nur die Musikpassagen mit. Die Qualität war natürlich fragwürdig. Aber anders war die Mucke nicht zu bekommen, es sei denn, die Jugendsendung DT46 stellte sie in ihrem einstündigen „Duett“ in schlechtem Sound vor.

So schäbig es in den bewohnten Ecken der Ghettos New York´s zur damaligen Zeit auch ausgesehen haben mag, es juckte die Zwangs-FDJ-ler nicht. Denn sie fanden sich in dieser Geschichte alle wieder. Die DDR war ebenso marode, weil das ganze System wirtschaftlich komplett am Boden lag. Und damit ging die Rechnung der Parteifunktionäre, die dafür verantwortlich waren, welche Filme in den sozialistischen Kinos laufen durften, welche nicht, nie auf. Die wollten uns nämlich zeigen, wie schlecht es doch den Menschen im Kapitalismus geht. Das Lebensgefühl und die Art von Freiheit, welche damit jedoch in unsere Heimat transportiert worden ist, wollten nun auch alle hier, im eigenen Land haben und leben. Diese graue Triste sollte nämlich auch aus unseren verrotteten Häusern verschwinden.
Zähneknirschend erlaubte die Führung Tanzwettbewerbe ala „Beat Street“, stufte noch schnell den Stil als eine Kunstform ein, bevor sie jedoch relativ zügig gegensteuerte, die Aufführungen des Filmes in den nieklimatisierten Vorführhäusern stoppte. Den Tanz-Boom jedoch, den konnte sie nicht mehr aufhalten…

Der Film:
Die Mutter aller Tanzfilme – In „Beat Street“ kommt es nicht auf die eher dürftige Handlung an. Das ist Nebensache. Jedoch kommt das ganze Werk von hinten bis vorne ohne Gewalt aus. Nicht eine Waffe wird gezogen, um eine nicht vorhandene Dramatik künstlich erstellen zu müssen. Alles ist friedlich, denn alle konzentrieren sich darauf, mit ihrer Musik oder Tanzstilen berühmt zu werden, leben nur auf das Wochenende hin, um wieder im Roxy, dem angesagtesten Club des Viertels, als DJ Platten aufzulegen, als neu gegründete Band auftreten oder sich im Battle als Breakdancer gegen andere messen zu können. Die Bilder und Gigs sprechen für sich. Peace! Genau das war die geheime Botschaft. Außerdem wird aus Müll und Schrott Gold gemacht, gezeigt, wie aus Nöten auch Tugenden entstehen können. Das hätte die Zensur für die Ost-Version der Schauspielhäuser in den 80ern lieber cutten sollen, denn die Selbstkritik, die Harry Belafonte hatte, besaßen die starren Roten Socken nie.

Fazit:
Das nenne ich mal wirkliche Kunst und Kultur! Bei mir läuft der Film seit Tagen rauf und runter. Diese Erinnerungen an die Zeit, die genau 30 Jahre zurückliegt, macht Spaß. Die Musik ist spitze, nicht zuletzt, weil das Bild voll und ohne Streifen ausschlägt und der Ton DTS HD Master 5.1 nachgearbeitet wurde. Hier haben die Restaurierer beste Arbeit geleistet.
Der Film bringts, die Anlage, die die Beats ausspuckt, freut sich über so viel Bass und glassklaren Sound!

Harry Belafonte´s „Beat Street“
2014 Bild und Ton neu bearbeitet
Erstproduktion 1984 in der Bronx von New York
Erschienen auf Blu Ray