Heinz Strunk

„Zum Goldenen Handschuh“ – Strunk und seine Tragödien darin

Versacken, versumpfen, abtauchen – Der „goldene Handschuh“ ist eine Abbruchkneipe, die rund um die Uhr auf hat, 360 Tage im Jahr. Hier kostet das Flaschen-Astra noch 2,20-€, wenn man zur richtigen Zeit dort ist. Es mag sein, dass sich das Publikum verjüngt, erfrischt, also erneuert hat. Aber der Fußboden klebt immer noch, als wenn er tagelang nicht gewischt worden wäre. Wenn man den Laden betritt, richt´s nach kaltem, abgestandenem Rauch und die Uhr scheint hier in den Siebzigern stehen geblieben zu sein, was die mobile Einrichtung und vergilbten Gardienen betrifft. Die Geschichte aus dem Buch spüre ich eigentlich immer noch, live vor Ort. Denn wo sich oft gescheiterte Existenzen treffen, die schon fast durch ihre tagelange Anwesenheit in den „Handschuh“ eingezogen zu sein scheinen, habe ich so das Gefühl, dass sich diese Storys wiederholen könnten.

Nominiert für den Leipziger Buchpreis! Heinz Strunk hatte „ungefähr 100 Sitzungen“, um sich ein Bild machen zu können, zu wissen, wie sich Mörder ihre Opfer suchen, sie finden, sie dann einfangen, um sie zu Sklaven zu machen, bis zum Tod. Nun gab er eine Lesung, im St. Pauli Theater, in einer schnuckligen Location, die mich an die Muppet Show und die beiden alten Opas, auf dem Balkon erinnerte.

Seine Erzählungen benutzen Adjektive und verstörende Vergleiche, auf die man erst einmal kommen muss. „Pisse, Scheiße, Wichsen“ – Kompliment für eine spannende Geschichte, wie sie sich wirklich hätte zugetragen haben können. Dafür hat Strunk sogar die Polizeiakten wälzen dürfen. Sein schrecklicher Held „heißt Fritz Honka – der in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche, der schwarze Mann ihrer Kindheit, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der Hamburger Absturzkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ mit.“

Strunk leitet seine Lesung mit den Worten ein: „Ich mache nach 45 Minute eine Pause, damit die, die gehen wollen, gehen können. Denn das hier ist harter Stoff, der vielleicht nicht jedem liegen dürfte…“ Soweit ich das beobachten durfte, ging jedoch keiner. Eher lauschten alle wie gebannt den Ausführungen des Autors. Entweder wurde gelacht, weil die verkrampfte Situation durch seine verzerrte Stimme in eine Witzigkeit überlief oder es ging, wie ein Raunen, so ein Ton durch das St. Pauli Theater, so ein „Ooouuuh“, wenn Strunk folgende Szene beschrieb: „Fiete griff hinter sein Bett und holte einen feuchten, gammligen Lappen hervor, der schon einige Zeit dort gelegen haben dürfte und wischte sich damit sein Gesicht ab…“

Hinter mir saß die Tochter des Besitzers der Kaschemme „Goldener Handschuh“! Sie lachte noch über mein lockeres Mundwerk, welches vor Beginn der Veranstaltung ausstieß: „Ich bin aber auch ganz schön aufgeregt hier…!“ Später begleitete sie mich zum Fotoshoot und zur Signierung auf die Bühne, danach trafen wir uns alle in der Kult-Location, um die sich das ganze Buch des Autors dreht, wieder…

Hier war die Stimmung, wie sie seit Jahrzehnten ist, ausgelassen. Denn heute wurden zu Nina Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“, der aus der kostenpflichtigen Musikbox und über die an der Decke aufgehängten Lautsprecher herausschallte, die Hosen runtergelassen, tanzten Angetrunkene auf den Tischen und an den Stangen. Hier trifft der Anzugsträger auf die Nutte. Auch eine richtige Schlägerei durfte nicht fehlen, welche die Polizei nach ca. endlosen 10 Minuten durch ihre Anwesenheit auflösen konnte…

Weg von den „Hochstaplerclubs, wie das Moondoo oder dem Privileg, wo sich viele Möchte-Gerns herumtreiben“, so ein weiblicher Kneipen-Fan zu mir, „hin zur Wahrheit“ und „rein in das richtige Leben“, in den „Goldenen Handschuh“! Früher mochte ich solche „Absturz-Locations“ nicht, ging lieber in diese Model-Diskotheken, in denen man niemanden ansprechen darf, weil es dann heißt: „Was´ das denn für einer…?“
Aber die Party geht nur in der Kultkneipe weiter, ohne Pause! Wir sehen uns, in meinem neuen, zweiten Zuhause…!

„Der Goldene Handschuh“
erschienen im Rowohld Verlag
Buch/CD: jeweils um die 19,90-€