die_letzten_zeugen_c_reinhard_wernerklein

„Die Gefahr ist noch nicht gebannt“ – Die letzten Zeugen

Hamburg.
Ich wollte unbedingt dieses Stück zur Eröffnung des 6. Theaterfestivals im Schauspielhaus sehen: „Die letzten Zeugen“ erzählen als Überlebende der Naziverbrechen ihre Geschichten, schildern, wie sie entkommen konnten, was sie für Glück hatten, nicht getötet zu werden. Und in einigen Erzählungen fand ich mich wieder, bin auch ich so etwas, wie ein kleiner Zeitzeuge, weil doch die Parallelen zur DDR-Zeit unübersehbar sind.

Als die Mauer gebaut wurde, um den Osten komplett vom Rest der Welt abzuschotten und die Bevölkerung vor dem kapitalistischem Feind zu schützen, besannen sich die Roten Genossen auf die Foltermethoden der Braunhemden. Da logischerweise irgendwann nicht genug Arbeitskräfte da waren, um die Republik und den Sozialismus aufzubauen, durfte von den Ärzten niemand krank geschrieben werden. Auch wenn man vor Unterernährung so schwach und kraftlos war, dass man den Kommunisten nicht mehr gerecht werden konnte, kannten sie kein Erbarmen. Von freier Arztwahl ganz zu schweigen. Wer so versuchte die Arbeit zu „schwänzen“, die ihm der Staat zugewiesen hatte, wurde schnell als Assi abgestempelt. Selbst die meisten Engel im weißen Kittel wollten dieses Spiel längst nicht mehr mitspielen und stellten einen Ausreiseantrag nach dem anderen. Wer nicht liniengetreu war, wurde in den Stasigefängnissen gefoltert.

Das hat berührt, das ging unter die Haut. Wir wollen niemals vergessen. Nie wieder Kommunismus, nie wieder Faschismus.

Zurück zu den letzten Zeitzeugen. Sie sitzen auf der Bühne hinter einer durchsichtigen Leinwand, auf der immer wieder Bilder und sie selbst eingeblendet werden. Scheinwerfer sind auf ihre Gesichter gerichtet. Währenddessen wird ihre Story von Schauspielern vorgelesen.

Und so berichtete Suzanne-Lucienne Rabinovici, das im Jahre 1943 das Ghetto von den Nationalsozialisten in Arbeitsfähige und Nichtarbeitsfähige aufgeteilt wurde. Die Gesunden konnte man gebrauchen, die anderen nicht.

Ein anderer Überlebender schilderte, wie ihm die Organe aus bestimmten Körperöffnungen glitten, er jedoch weiterarbeiten musste, um nicht aufzufallen.

Ich will jetzt nicht die ganzen Monologe hier niederschreiben, die auf der Bühne stattgefunden haben. Sondern vielmehr möchte ich betonen, dass es ein wirkliches Ereignis war, die letzten Zeugen getroffen zu haben. Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf, den ich auf meinen Armen stützte, verfolgte ich die Erzählungen und versuchte meine Bilder, wie in einen Film ablaufen zu lassen. „Die Gefahr ist noch nicht gebannt!“, warnt einer von ihnen. Denn gerade heute ist die Wahrscheinlichkeit größer denn je, dass die Stimmung wieder in diese Richtung so stark kippen und eine große braune oder linke Bewegung auf uns zurollen könnte. Wer einmal sehen möchte, was Zeitgeschichte ist, der sollte sich das Gefängnis Neuengamme oder das Stasimuseum Hohenschönhausen anschauen. Dort wird eindrucksvoll, unter anderem auch von ehemaligen Häftlingen erzählt, wie welche Methoden angewandt wurden, um die Menschen zu brechen.

Das hat berührt, das ging unter die Haut. Wir wollen niemals vergessen. Nie wieder Kommunismus, nie wieder Faschismus.