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Lost Places – Warum uns maroder Abriss so sehr fas(t)ziniert

Schwerin, Berlin.
Blair Witch Projekt des Ostens lässt grüßen!
Einerseits völlig allein gelassen, andererseits ziehen sie uns an. Sogar aus halb Deutschland kommen die Neugierigen hier her, um zu sehen, was die DDR mal war, was Geschichte getragen hat und während eines Systemwechsels links liegen gelassen wurde, um alle sozialistischen Spuren zu verwischen. Ob das ehemalige „Strandhotel“, indem keiner mehr hineinspazieren kann, die „Alte Brauerei“ oder die Endstation der S-Bahnen in die man (nicht) Herzlich Willkommen geheißen wird – Ja, es gibt sie noch, die ABRISS-Häuser.

Gleisstellwerk Pankow. Hier finden sogar noch ab und an Partys zwischen Reperaturbett und Stahlträgern statt.

August 2020, Berlin. Was den Endbahnhof Pankow betrifft, kann man mittlerweile stehend zusehen, wie das Gleis-Stellwerk verfällt. Die Scheiben wurden aus dem Dach gehämmert, Graffitis kleben an der Wand und die Sommernatur holt sich Boden zurück!

Gleisstellwerk von außen. Wat für ne gruseliger Abgang.

Bis letztes Jahr lebten dort sogar drogensüchtige Penner, die sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude einquartiert hatten! Außerdem zieht diese Location immer wieder Foto-Touristen an, die sich dieses Flair unbedingt gegeben wollen.

Das Geisterhaus, die ehemalige Kader-Schmiede: Sportschule für die Elite.

Schwerin, 2020. Angeblich soll nun ein erneuter Investor gefunden worden sein und dieses Teil könnte so zu einer Ho(s)tel-Perle umgewandelt werden. Derzeit ist davon (noch) nichts zu spüren, jedoch verkündete die Schweriner Presse in ihrer Provinzzeitung diese Meldung. Wer dahinter steckt, ist nicht bekannt. Hier ist sicherlich Abwarten das Stichwort. Denn auch das Strandhotel, welches mit einer Millionen-Spritze neu aufgebautnwerden sollte, steht heute immer noch leer.

Im Geisterhaus.

Warum Abriss so anziehend ist

Wieso sie uns so fas(t)zinieren und warum wir in diese unbedingt einsteigen wollen, das ist ernsthaft zu ergründen.

Das im Netz sogenannte „Geisterhaus“ rottet weiter dahin. Zertifizierter Online-Redakteur Jörn Ehrenheim steigt einmal mehr in dieses verfallene und langsam dahinsiedende ehemalige First Class-Hotel ein, um sich einen Überblick über den Fortschritt des Zusammenfallens machen zu können.

Lost Places – Abriss Geisterhaus. Online-Redakteur stieg in dieses alte Sport-Kader-Haus für ehemalige Top-Eliten ein.

Die letzten Lost Places

Es geht über Gestrüpp und Gestein durch das verwegene Gelände. Mit Mühe erreichen wir das Haus von der Rückseite her. Es riecht nach nassem Gras, eher ein moderiger Gestank macht sich in der Nase breit. Im Inneren kommen uns herunterhängende Balken und eingestürzte Decken entgegen, empfangen uns, wie beim Blockbuster „Blair Witch Projekt“. Der Anblick des Zerfalls begeistert mich irgendwie, macht mich gleichzeitig nachdenklich. Die W-Fragen springen sofort in meinem Kopf herum, wie: Wie kann das sein…? Warum zerfällt dieses ehemalige Schloss? Wieso stoppt das keiner? Weshalb kommt hier jeder rein und keiner schert sich darum?

Lost Places. Das ehemalige Strandhotel rottet seit 30 Jahren dahin…

Was wir hier sehen, ist eigentlich unbegreiflich.

Denn schon weit vor den DDR-Zeiten war dieses Kur-Hotel, in den 1910-er Jahren erbaut, später eine gefragte Sport-Schmiede, für die Bonzen-Eliten des Sozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg umfunktioniert worden. Hier drillte man systematisch Sportmaschienen, die mit bester Nahrung versorgt werden konnten.
Nach dem Wegfall der Mauer fiel auch dieser staatliche Edel-Status – Lost Places!

Schwerin. Im Ghost-Haus staunen wir nicht schlecht, wie so langsam die Mauern auseinanderfallen.

Aber es gibt nicht nur das. Die Alte Brauerei war zu Ostzonen-Zeiten die Getränkeproduktionsstelle, die sogar für den Westen braute. Das war kein Einzelfall, denn um Devisen in das Land zu bekommen, wurde von „Knast-Brüdern“, also gescheiterten Flüchtlingen, die illegale Versuche starteten, in den Westen zu gelangen und sich so ein besseres Leben erhofften, sogar Möbel für IKEA in Holz-Hallen zusammengebaut.

Das Schweriner Strandhotel, in welches Niemand mehr hineinkommt, da es verriegelt und verrammelt wurde. Ich durfte noch und kenne es noch aus DDR-Zeiten, zu denen wir Sonntags abhotteten.

Das „StrandHotel“ war eine Zimmer-Disco, in der ab und an auch West-Berliner DJ´s eingefahren wurden, die da ihre Kassetten abspielen durften. Erst vor ein paar Jahren schaute ich mir die mittlerweile völlig im Dreck versunkenen ehemaligen Edel-Räume an, die damals nur gut Betuchte buchen durften. Heute kommt da keiner mehr rein. Anfang der Neunziger soll ein vermeintlicher „Investor“ von der Stadt eine Millionen DM für den Beginn eines Neuanfanges erhalten, laut Erzählungen allerdings, mit der Kohle schnell das Weite gesucht haben…

Insta: Jörn Ehrenheim stieg auch in die „Alte Brauerei“ ein.

Was fasziniert uns an solchen maroden, kaputten Gebäuden, dass wir in diese hineinwollen, sehen möchten, wie die Natur diese Gemäuer verschlingt und irgendwann unfreiwillig niederringt? Weil uns Vergänglichkeit toucht. Uns interessieren Geschichte und Wandlungen. Ein System ist gescheitert, also auch seine Ideale und die Bauten um dieses herum…