Zum Goldenen Handschuh1

Nachvisite GOLDENER HANDSCHUH – ein Astra in der Honka-Stube

Diebstahl, Party, Muff – Im Goldenen Handschuh kann man rund um die Uhr (fast) alles erleben, was möglich ist. Darum geht auch nichts mehr ohne private Security. Fast das ganze Jahr lang, außer an Weihnachten, ist ohne Pause durchgehend geöffnet. Eine der berühmtesten Absteigen, über die es schon Hörbücher, auch von Heinz Strunk und Filme gibt, hat auch heute noch Stoff für ganze Tagebücher zu bieten. ICH bin dort ab und an aus Neugier hängengeblieben, um den ein oder anderen „Trip“ zu erleben und wollte wissen, ob es dort immer noch brisant zugeht, so, wie man es von Erzählungen, zum Beispiel von Heinz Strunk kennt.

Hier trifft man sie wirklich alle – Gescheiterte Existenzen, Prostituierte, besonders nach Mitternacht und/oder die Anzugsträger. Richtig nervig – vor der Tür der Honka-Stube (so wird das „Loch“ auch scherzhaft genannt) werde ich von schwarzen Dealern sofort „freundlich“ empfangen und aufdringlich gefragt, wie es mir denn gehen würde, bevor ich überhaupt die Schwelle einer der bekanntesten Kneipen Deutschlands betreten kann. Der Grund der Ansprache ist, ob ich nicht ihr gepanschtes Pulver „kaufen“ möchte. Sie hätten alles da, meinte der eine noch. Nein, das will ich nicht, da meine Drogen Kaffee, Wasser und Cola sind.

Drinnen klebt, wie erwartet und mir bekannt, der Fußboden noch von den Tagen und Nächten zuvor, als wenn gerade eine ganze Tonne Bier ausgekippt worden wäre. So stinkt auch die Luft, wie aus einem Mix aus kaltem Rauch und ich weiß nicht was, obwohl es Sonntagmittag ist, wenn ich die Uhr richtig verstehe. Die Musikbox läuft und läuft und spielt gerade einen Song von Snoop Dog, Justin Timberlake oder Marianne Rosenberg. Irgendwann ist die Lautstärke so hoch geregelt, dass kaum noch jemand sein eigenes Wort versteht. An den wackligen Stangen tanzt irgendeine Frau mit geschlossenen Augen und konzentriert sich komplett auf den Text. Andere prosten sich zu und wippen mit dem Takt. Einige „Besucher“ kennen sogar die jeweils vierstelligen Nummern jedes einzelnen Titels auswendig und rufen sie denjenigen zu, die gerade 2 Taler in den Schlitz werfen wollen, damit die Stimmung oben bleibt.

Und inmitten, da stehe ich an der Tresenecke und habe den Eingang genau im Blick. Ich erfrage, ob ich ´n Selfie machen kann und bestelle mir mein Astra, weil sie kein Radler haben: „Aaaah, ein Astra…“, gibt der Tresenmann von sich, weil er meine Bestellung erst nicht verstehen wollte. Und das Trinkgeld hatte er sich auch schon ausgerechnet und einfach gleich einbehalten. Als wenn ich das nicht merken würde, sind von den 2,20,-€, die das Bierchen kostet, 30 Cent gleich seine, die er einfach einbehält. Er kassiert also 2,50-€, ohne zu fragen, ob das OK sei. Ich bin über diese Dreistigkeit überrascht, sage nichts und nehme das so hin.

Blaulicht! Peterwagen rauschen heran. Beamte steigen aus und kümmern sich um einen Sachverhalt, der gerade vor ein paar Minuten passiert sein muss. Ich bekomme mit, dass einem jungen Mann direkt hier im Laden aus seiner Jacke Handy und andere Wertgegenstände gestohlen worden sein müssen. Jedenfalls behauptet er das. In nicht mehr als 10 Minuten sind die Volksbegeher wieder weg und einige weibliche Gäste entspannen sich, holen die zuvor schnell am Tresen abgegebenen Kleidungsstücke mit den Kommentaren: „Glück gehabt“ ab.

Plötzlich ergreift einer völlig selbstbewusst meine Jacke, die ich auf dem Tisch tanzend natürlich voll im Auge habe und fordere ihn sogleich forsch auf, die da liegen zu lassen. Aber daran denkt der Betrunkene gar nicht. Also hebe ich meine Hand im überfüllten Handschuh, mein erhobener Blick sucht und findet sofort die in zivil bereitstehende Security und winke sie heran. Ohne Zucken wird der Dieb rausbegleitet. Wenig später ist er aber wieder drin und startet hartnäckig einen erneuten Versuch, Sachen mitgehen zu lassen. Wwwumms! Dieses Mal fliegt der raus, sodass man es klatschen hören kann…

Und als ob das nicht schon genug wäre, beginnt einen Augenblick später eine heftige Keilerei. Fäuste fliegen, ich gehe in Deckung und verstecke mich hinter dem Pfeiler am Tresen, warte minutenlang geduldig, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Was war denn nun schon wieder? Jemand, der mit seinem achtkantigen Rausschmiss nicht zufrieden war, brachte ein paar „Freunde“ mit und wollte das noch einmal ausdiskutieren…

Zuhause ziehe ich meine stinkenden Klamotten aus. Schnell in die Waschmaschine mit dem Zeug, damit ich diesen Geruch nicht in der Wohnung verbreite. Das wäre wirklich der „Supergau“, wenn ich dieses Feeling noch in meinen Gefilden haben muss, denn wie eingebrannt riecht die Jacke nach vermufften und alten Zigaretten. Von meinem weißen Hemd ganz zu schweigen…

Als Heinz Strunk sein Buch „Zum Goldenen Handschuh“ veröffentlicht hatte und einen Auszug vor ausverkauftem Haus vorlas, saß ich in vorderster Reihe des Theaters. Er hatte sich einen ganze besonderen Fall noch einmal zur Brust genommen, nämlich den von „Fiete“, Fritz Honka. Der Kiezianer hatte unter anderem auch einen Mord begangen. Danach hatte ich mit das Buch und das Hörbuch bestellt, weil ich das Ganze noch einmal nacherleben wollte.