Freistatt1

Statt frei – FREISTATT! Bewegende Premiere mit Zeitzeugen

Hamburg-FilmPremiere im Abaton.

Montagabend erlebte ich die bewegendste Filmpremiere, die ich je sah – Emotionen im Publikum, Gefühls-Achterbahnen und echte Zeitzeugen. In den deutschen Kinos startet der Streifen FREISTATT: verschlossene Türen, vergitterte Fenster, militärischer Drill während der als Erziehung verbrämten täglichen Arbeitseinsätze in den Mooren der Umgebung.
Statt frei – FREISTATT!

Ich saß notgedrungen in der zweiten Reihe des Abaton, weil das Kino (fast) ganz ausverkauft war. Eine Reihe hinter mir beobachtete ich immer wieder 3 Frauen, die während der brutalen Gewaltszenen die Hände fassungslos vor dem Mund hielten, zeitweise mit diesen das Gesicht so lange ganz verdeckten, bis sie gefühlt hören konnten, das alles vorbei war oder sie schlugen ihre Arme ganz über den Kopf und senkten ihn leicht, wenn es schlimmer wurde…
Körperliche und seelische Gewalt, Scheinbeerdigungen oder Essensentzug – die Strafen der Heimleitungen waren grenzenlos. In der Nachkriegszeit wurden so junge Menschen oder Jugendliche, die nicht hörig oder mindestens einem Elternteil nicht recht waren, in Bootcamp´s gesteckt, erst gebrochen und mit falscher Liebe an die „Erzieher“ gebunden. Heute wird so wieder vermehrt vorgegangen, weil sich Erziehungsberechtigte oft mit dem pupertären Gehabe überfordert fühlen. Wolfgang Rosenkötter dazu: „Endstation! Wer hier herkam, war weg vom Fenster!“

Endstation! Wer hier herkam, war weg vom Fenster!

Wolfgang Rosenkötter

Die richtigen Worte zu finden, empfinde ich als sehr schwierig. Ja, ich habe FREISTATT ein zweites Mal gesehen. Aber heute waren die Hauptdarsteller vor Ort, zusammen mit dem Erzähler, nachdessen Stoff gedreht wurde. Wie immer, bei solch einer Premiere wurden dann Fragen gestellt und Antworten erwartet. Dieses Mal jedoch saßen einige Zeitzeugen im Publikum, die sich per rumgereichtem Micro zu Wort meldeten, sich bedankten und lobten, wie nah an der Wahrheit alles gezeigt worden ist. Einer erzählte, dass dieser Film genau das widerspiegelte, was er erlebte, ein anderer setzte noch einen drauf und schilderte, welche seelischen und körperlichen Leiden er heute noch aus dieser Zeit mit sich trägt. Ich zum Regisseur des Filmes: „Haben Sie an Gewalt wirklich alles gezeigt oder bewusst was vergessen…?“ Marc Brummund: „Es wurde alles wahrheitsgetreu dargestellt. Aber wir mussten auch einen runden Film daraus machen, dort alles reinpacken…“. Hilfreich bei seinen Recherchen war die Zusammenarbeit der heutigen Einrichtung, die ihre Vergangenheit ebenso nicht leugnet, sondern preisgab, was wirklich passierte.

Es kommt zu einer weiteren rührenden Begegnung mit einem Besucher, der sich noch am Schluss weinend zu Wort meldete: „Ich dachte, ich bin hier wieder mittendrin und muss das alles noch einmal erleben. Ihr habt das so großartig gespielt, ich möchte Dich umarmen!“, sprachs und Louis Hofmann ging auf den Mann zu und drückte ihn. Die echten Emotionen berührten einfach sehr, machten nachdenklich.

Wolfgang Rosenkötter, dessen Erzählstoff als Vorlage für FREISTATT (das Heim liegt in der Nähe von Bremen) dient und der von dem Jungschauspieler Louis Hofmann (Foto oben) verkörpert wird, schwieg 40 Jahre lang, bis er 2006 mit der Aufarbeitung begann, die bis heute andauert. In einem persönlichen Gespräch schilderte er mir noch einmal ganz genau, aus welcher Sichtweise er das Ganze heute betrachtet, warum er froh ist, dass dieser Film entstanden ist.

Einiges über den Film – Lest auch die zweite Seite. Bitte umblättern.



  1. Martin MITCHELL

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    DIAKONIE – Fürsorgehölle ANSTALT FREISTATT im Wietingsmoor. – Bestätigt von einem damaligen dortigen Erzieher-Zeitzeugen.

    Ein damals ungefähr 45-jähriger Freistätter Erzieher (ev. Pfarrer), der DIE IN FREISTATT BEGANGENEN VERBRECHEN auch damals schon als solche erkannte, und sich weigerte mitzumachen, meldet sich zu Wort :

    Bezüglich den VERBRECHEN in der Bethel-eigenen Jugendwohlfahrts- und Erziehungsanstalt FREISTATT – der jetzigen TOURISTEN-ATTRAKTION „FREISTATT“ / „BETHEL IM NORDEN“
    in Deutschland :

    ANFANG EINES ZITATS EINES DIESBEZÜGLICHEN ARCHIVIERTEN LESERKOMMENTARS AUS DEM JAHRE 2008.

    Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008

    „VERBRECHEN IM NAMEN DER KIRCHE“

    Erinnerungen eines Pfarrers im Ruhestand

    Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden.

    Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von morgens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht.

    Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.

    Seine Erinnerungen an diese Zeit fasst er so zusammen:

    ANFANG DER ÄUSSERUNG EINES DIREKT INVOLVIERTEN ZEITZEUGENS.

    „Mit Überraschung und mit einem Gefühl der Scham nahm ich Ihren Artikel vom 16. September über die Misshandlung von Kindern in kirchlichen Heimen zur Kenntnis.
    Überraschung deshalb, weil die dort geschilderten Misshandlungen erst jetzt nach mehr als vierzig Jahren zur Sprache kommen.
    Scham, weil die damals verantwortlichen kirchlichen Institutionen einen Mantel des Schweigens über die Ereignisse ausgebreitet haben.
    Die geschilderten Ereignisse kann ich nur bestätigen, denn auf Votum meines damaligen Militärbischofs wurde ich 1968 für eine kurzfristige Tätigkeit in eins der genannten Heime entsandt. Die Behandlung der dort untergebrachten Jugendlichen kann man kaum wiedergeben.
    Die damals tätigen Diakone sahen in den Jugendlichen nicht mehr den Menschen als Geschöpf Gottes, sondern betrachteten sie als den Abschaum der Menschheit. Ich kritisierte seinerzeit die Heimleitungen und Diakone.
    Aufgrund der Vorkommnisse beendete ich eigenmächtig meine dienstliche Beauftragung und trug meine in dem Heim erlebten Erfahrungen sowohl dem Militärbischof als auch meiner damaligen Kirchenleitung vor. Ich wies darauf hin, dass dort im Namen der Kirche VERBRECHEN an jugendlichen Menschen vorgenommen werden.
    Meine Kritik wurde zurückgewiesen mit der Begründung, die dort untergebrachten Jugendlichen müssten äußerst hart angefasst werden, mir fehle sicher eine entsprechende Erfahrung im Umgang mit kriminellen Jugendlichen.
    Ich schäme mich, nicht schärfer und lauter protestiert zu haben.“

    ENDE DER ÄUSSERUNG EINES DIREKT INVOLVIERTEN ZEITZEUGENS.

    Dieser altgewordene Kirchenmann muß sich fragen lassen, warum er in diesen vierzig Jahren nie einen Weg gesucht hat, DAS VERSCHWEIGEN [DIESER VERBRECHEN IN FREISTATT] aufzubrechen.

    ENDE EINES ZITATS EINES DIESBEZÜGLICHEN ARCHIVIERTEN LESERKOMMENTARS AUS DEM JAHRE 2008.

    QUELLE: Rubrik „Zeitungsberichte“ @ http://www.spurensuche-meinung-bilden.de/index.php?id=4&topic=10&key=2

    Wiederentdeckt von dem seit dem Jahre 1964 in Australien lebenden ex-Freistätter der frühen 1960er Jahre: Martin MITCHELL.

    Bitte diesen meinen wichtigen hinweisenden Kommentar an jeder zutreffenden Stelle im Internet weiterveröffentlichen.
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    • Jörn Ehrenheim

      Tja, mich hat dieser Film sehr mitgenommen und ich erinnere ihn heute noch. Wer sowas als Opfer erlebt hat, trägt das sein ganzes Leben mit sich herum. Die Täter sind meistens die, die am besten wegkommen. Schlimm…


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