thetribe_anna_and_sergeyklein

THE TRIBE – packender Geheimtipp endlich auf DVD

Auch, wenn zum Beispiel das Abaton in Hamburg auf „nur“ neue Filmvorstellungen pocht und alles andere als „alten Kram“ anerkennt, sehe ich das anders und bestehe auf Erwähnungen, auch wenn sie Jahre gebraucht haben, um auf DVD zu erscheinen. 
Mit „THE TRIBE“ ist das genauso. Als großer Geheimtipp wurde dieses Road-Movie auf dem Filmfest Hamburg 2014 gehandelt, stellte die Zuschauer auf eine komplett neue Probe und Situation ein. 

Schwarz-weis-Filme ohne Ton kannte man ja aus der Zeit des letzten Jahrhunderts. Aber das hier war dann doch ein irgendwie komplett neues Genre, was die Kinofans zu schlucken hatten – Gebärdensprache. Ohne Untertitel, ohne Übersetzungen oder Erklärungen wird der Besucher in eine Story geschmissen, die er ohne gesprochene Dialoge zu verstehen hat, ob er will, oder nicht. Dazu kommen dann auch noch diese grausamen Bilder aus der Ukraine, die mir nie mehr aus dem Kopf gegangen sind und mit viel Gewalt, Unterdrückung, Prostitution und Abtreibung zu tun haben. Sicher, ich selbst war schon während der Fußball-EM vor Ort und habe mir ein Bild von den übergebliebenen Platten-Ghettos des Sozialismus machen können, aber so eine kranke und absurde Geschichte, wie sie uns vorgesetzt wurde, habe ich dann doch nicht erwartet. „Ich habe Wert darauf gelegt, dass wirklich alle Laiendarsteller taubstumm sind. Ohne diese Grundvoraussetzung hätte ich nichts so umsetzen können, wie es am Ende geworden ist…“, sagt der Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy in einem seiner Interviews.

Als THE TRIBE während des Filmfestes Hamburg gezeigt wurde, überrumpelte diese brutale Erzählung den ein oder anderen, wegen seiner schonungslosen Darstellung doch sehr.

Zur Story.
Sergey ist neu auf dem Internat für Gehörlose. Schnell kommt er mit Jugendlichen einer organisierten Gang zusammen, „The Tribe“ (Der Stamm), in der Gewalt und Schikane mit schonungsloser Dynamik das Leben bestimmen. Notgedrungen muss auch Sergey sich durchsetzen und durch Diebstähle, Raubüberfälle und Zuhälterei sichert er sich seinen Rang innerhalb der Hierarchie. Als er sich in Anna verliebt, die wie die anderen Mädchen der Gruppe vom Anführer zur Prostitution gezwungen wird, durchbricht Sergey den Kodex des Stammes und ist plötzlich auf sich allein gestellt.

the-tribe-toilet-smokingklein

Ein Film wie ein freier Fall: radikal, einzigartig, bewusstseinserweiternd, kein doppelter Boden. Das ukrainische Jugenddrama THE TRIBE kommt ohne gesprochene Worte aus und lässt uns die Handlung ausschließlich in Gebärdensprache verfolgen – Untertitel gibt es nicht. Ein kompromissloses Kinowagnis, das mit zahlreichen Preisen, darunter drei Auszeichnungen der Semaine de la Critique in Cannes und der Europäische Filmpreis, belohnt wurde. Die Geschichte über Liebe und Gewalt inmitten eines Gehörlosen-Internats sorgt seit seiner Weltpremiere in Cannes 2014 für ausverkaufte Festivalhäuser und irritiert und begeistert Kritiker und Zuschauer zugleich.
THE TRIBE ist keine weitere Thematisierung des oft gezeigten Gehörlosen-Hörenden-Konfliktes, sondern ein konzertierter Blick auf eine autoritär strukturierte Gruppe gebärdender Jugendlicher. Es ist ein über die Grenzen der Ukraine hinausgehender Kommentar auf Identität und Sinnsuche, Unterdrückung und Widerstand. Wuchtiger Sozialrealismus, aktuell wie relevant – das bewegte Portrait einer hermetischen, kaum bewusst gemachten Welt.

 

Ukraine, 2014
Regie: Myroslav Slaboshpytskiy
Hauptdarsteller: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich
Länge: 132 Min., Gebärdensprache (Ukrainisch)
im März 2016 auf DVD erschienen