Kranke Geschäfte

ARTE/ZDF – „Kranke Geschäfte“ um Medikamenten-Studien

ARTE und ZDF zeigen ein Jahr nach der Premiere auf dem Filmfest in Hamburg dieses bewegende Tatsachen-Drama, welches ich mit meinen eigenen Gedanken ergänzte:

FFHH´19. 144 Filme, 55 Länder, fünf Kinos: Täglich bin ich auf dem Filmfest unterwegs, um neue Movies zu entdecken, Interviews zu führen und Regisseure, Produktionen zu sehen, die vielleicht nie einen Verleiher finden…

Kranke Geschäfte – die Versuchskaninchen der DDR

Dienstag. Als ich einen Zuschauer fragte, was er sich gewünscht hätte, wenn was von der DDR bleiben hätte sollen, sagte er: „NICHTS. Nicht mal der Grüne Pfeil…!“

Sprachlos und völlig mitgenommen habe ich diesen Film verlassen. Die Story wurde dem Spiegel entnommen, der 1993 und 2013 darüber berichtet haben soll. Knallhart wurde nachrecherchiert. Nachdem die Stasi-Behörde alle Akten rausrückte, die nun immer noch auf dem Schreibtisch der Regisseurin stehen sollen, konnten Fälle eingesehen und nachgestellt werden.

Nach dem Film lange Interviews mit den Schauspielern…

Was, schon wieder ein DDR-Drama?

Doch diese schwer aufgearbeitete Geschichte, die von ARTE und dem ZDF mit 200 Millionen € finanziert wurde, zog alle in ihren Bann. Dieses so hoch gelobte „Gesundheitssystem“ des Sozialismus war alles andere, als gut, sondern nur ein billiger, vom Osten verratener Verkauf an den Westen, um mit Medikamenten-Studien an nichtsahnenden „Patienten“ „Erkenntnisse“ und Zulassungen der Pharma-Industrie zu bekommen. Was keiner wusste, sogar die Stasi nicht, dass vom Unrechtsstaat von 1964 bis 1990 an Tausenden DDR-Bürgern irgendwelche neuen gemixten Gifte ausprobiert wurden, ohne deren Kenntnisnahme…

Regisseurin mit Darsteller Jörg Schüttauf, der einen Stasi-Offizier spielt.

Die Interviews von der Regisseurin

…und den Hauptdarstellern nach der Vorstellung waren krass. Selbst (Stephan Grossmann), der den Stasi-Ober-Offizier spielte, berichtete live, dass er „wegen einer verschleppten Lungenentzündung in der Charité Ost-Berlin bleiben musste: „Mitten in der Nacht, so gegen 02:00 Uhr, da kamen die Ärzte mit ihren Schwestern in mein Zimmer und schlugen vor, ein Medikament an mir auszuprobieren. Beim Verlassen drehte sich die letzte Krankenschwester um und flüsterte: ´Machen Sie das nicht!´“ Er tat es nicht.

Meine Erinnerungen an das Jahr ´88

…sind so wach und persönlich da, als ob sie gestern erst gewesen wären. Depeche Mode, die in dieser Geschichte als eine kleinere Nebenrolle begleitend über die Walkman’s und heimlich kopierten Tapes einer der Protagonistin erklingen, so ein Fenster des Unerreichbaren in Richtung Freiheit bedeuteten, spielten einmalig in der Werner Seelenbinder Halle, ein einziges Konzert in Ost-Berlin. Zu der Zeit war ich ebenso in der Stadt unterwegs und arbeitete im Drei-Schicht-System in der angeblich „modernsten Zwiebackfabrik Europas“, in Marzahn, die allerdings ein Drittel der (Arbeits-)Zeit wegen Ersatzteil-Mangel stillstand. Aber mein Punky-Kumpel, der ebenso zu diesem Job gezwungen wurde, sich seinen Hahnenkamm aus Protest mit Sprühdosen Rot färbte, überredete mich zu einem illegalen Punk-Konzert in einem der Jugendclubs; Feeling B! Sowas hatte ich noch nie gesehen und gehört und konnte zuerst gar nichts damit anfangen…

Warum erzähle ich das? Weil einige dieser Nebenschauplätze eine wichtige Rolle in KRANKE GESCHÄFTE einnehmen.

Die Story

Bei Risiko oder Nebenwirkungen: DDR-Bürger als heimliche Pharma-Probanten. 1988. Armin Glaser (Florian Stetter), Oberleutnant der Stasi, lebt mit seiner Familie in Karl-Marx-Stadt. Als bei seiner Tochter (Lena Urzendowski) Multiple Sklerose diagnostiziert wird, hofft er auf eine neuartige Behandlung im Bezirkskrankenhaus. Doch bald treten Ungereimtheiten bei der Therapie auf. Undurchsichtig verhält sich die Stationsärztin (Corinna Harfouch). Armin nutzt die Kontakte zu seinem Führungsoffizier (Jörg Schüttauf), um an Informationen zu kommen. Doch je näher er der Wahrheit kommt, desto weniger kann er sie glauben. Auf realen Begebenheiten basierend, beleuchtet er Film ein kaum beachtetes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte: Um an Devisen zu kommen, gestattete es die DDR westdeutschen Pharmaunternehmen jahrelang, ihre neu entwickelten Medikamente an ostdeutschen Klinikpatienten ohne deren Wissen testen zu lassen.