Neurasthenia

Update. Dramatische Frage-Antwort Runde nach „Neurasthenia“

Update und Richtigstellung:

Heute Nachmittag (06.10.) traf ich mich persönlich mit dem iranischen Regisseur Omid Tootoonchi, der gerne wissen wollte, wie ich seinen Film befunden habe. Wir hatten uns beide sehr auf diese Verabredung gefreut. Während des Gespräches war allerdings auch die politische Situation ein Thema. Er stellt jedoch klar, dass er keine Partei ergreife, sondern er mit seinem Film als ein Künstler betrachtet werden möge, der die sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen darstelle. Weiter stellt er richtig, dass die Vier, die nicht nach Europa mitreisen konnten, aus organisatorischen Gründen absagen mussten.

Manchmal gibt es leichte Missverständnisse, die so sicher aus dem Weg geräumt sind. Der Film hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es kein Happy End gab. Tootoonchi: „Das offene Ende soll Hoffnung bedeuten…“

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Iranische Dramen im Ausland kritisch zu präsentieren, könnte für die Einheimischen, die hier zu Gast sind, nicht immer angenehm sein. Die Hälfte des Teams durfte nicht nach Hamburg ausreisen. Und dann noch eine kritische Frage-Antwort Runde.
Aber lesen Sie selbst:

Weltpremiere. Der Film Neurasthenia zeigt einen jungen Teheraner, der mit seinem Alltag ringt, die Nächte im Auto schläft und mehr und mehr kraftlos und saftlos wirkt. Immer wieder holt ihn ein Tinnitus ein, den auch der Zuschauer zu hören bekommt. Er wirkt traumatisiert, nicht wissend, was er mit seinem Leben anfangen soll. Es scheint so, als wenn er kein Ziel vor Augen hat und bei einer Psychologin Hilfe sucht… Dann lernt er ein Mädchen kennen, verliebt sich.

Die Kameraführung ist niemals ruhig, sie ist hektisch, wandert von rechts nach links, von links nach rechts, wenn das Gesicht des Hauptdarstellers portraitiert wird. Plötzlich sind die Szenen in s/w. Dann sind die Bilder schummrig, unscharf, wieder schärfer, wieder in Farbe…

Wir werden mit Lügen erzogen und müssen, um ein normales Leben führen zu können, (mit) diese(n) Lügen leben…

Mahsa Mohamad Kazem

Nach der Vorstellung stellten sich die Hauptdarsteller um Mahsa Mohamad Kazem und der Regisseur Omid Tootoonchi den Fragen des Publikums. Und ziemlich schnell kam die erste kritische, die doch ein wenig sehr vorsichtig und zögerlich von den Akteuren beantwortet wurde. Aber dann, dann kam der Stich, der Strike, ja die alles entscheidende Meldung aus dem fast ausverkauftem Metropolis. Eine junge Frau drängt förmlich darauf, das Micro endlich in die Hand bekommen zu können: „Wie seht ihr und wie bezieht ihr euren Film auf das gesellschaftliche Problem im Iran, denkt ihr, dass sich da jetzt was geändert hat, was ändern könnte?“

Jetzt überschlagen sich meine Gefühle, denn Unsicherheit macht sich unter den Schauspielern breit. Sie beraten sich, stecken die Köpfe zusammen, tuscheln und sagen dazu nichts. Etwas später dann traut sich die weibliche Hauptdarstellerin, Mahsa Mohamad Kazem doch, mit dem Schlusswort und einer leicht zitternden Stimme zu sagen: „Wir werden mit Lügen erzogen und müssen, um ein normales Leben führen zu können, (mit) diese(n) Lügen leben. Keiner traut einem im Iran über den Weg. Wer ehrlich ist, muss damit rechnen, zu verlieren…“

Das hatte gesessen. Mit diesem Statement endete die Interviewrunde und sollte im Foyer fortgesetzt werden. Mich hätte noch die Veränderung im Iran nach der grünen Revolution interessiert. Aber da half mir die Fragestellerin aus dem Publikum, die selbst 15 Jahre in Persien gelebt hatte, weiter: „Aaaach, alles quatsch und nur blabla…! Es hat sich nichts verbessert.“

Und so gehe ich benommen aus dem Film hinaus. Der Regisseur bat mir noch an, sich mit mir in den nächsten Tagen zum Kaffee zu treffen, um über diese Story zu sprechen. Bin gespannt, ob er sich traut.